Fachkräftemängel

Was hilft gegen hausgemachte Probleme?

Es fehlt an Fachkräften in den Zahnarztpraxen - und das Problem spitzt sich zu.

 

Zahnärztliche Fachangestellte (ZFA) können wählerisch sein bei der Arbeitsplatzwahl. Doch woran liegt das? Was läuft falsch? Warum sind die zahnärztlichen Assistenzberufe so wenig attraktiv in der Wahrnehmung? Sieben Thesen zum Berufsbild ZFA.

These 1: Das Berufsbild ZFA ist unattraktiv

Die Wahrnehmung des Berufsbildes bei jungen Menschen, die vor der Berufswahl stehen und das tatsächliche Profil des Berufsbildes klaffen meilenweit auseinander. Was weiß Otto-Normalverbraucher vom Berufsbild ZFA? Ein bisschen Telefonieren, Patienten begrüßen, Daten aufnehmen, Anamnesebogen in die Hand drücken, Behandlungsassistenz - Lätzchen umbinden, Sauger halten, Instrumente anreichen. Die tatsächliche Vielfalt des Berufsbildes und die zahlreichen interessanten Weiterbildungsmöglichkeiten sowie die damit verbundene Verantwortung sind in der Bevölkerung kaum bekannt. Hinzu kommt auch noch das häufig verwendete Wort „Helferin".

 Das mag durchaus dazu beitragen, dass der Beruf als minderwertig im Sinne von „keine eigene Verantwortung" wahrgenommen wird.

Wie kann gegengesteuert werden? Jeder Praxisinhaber kann dazu beitragen, dass das Berufsbild ZFA in seinem vollen Umfang wahrgenommen wird: Tage der offenen Tür, ein Ausbildungsblog zur Dokumentation des Praxisalltags der eigenen Auszubildenden, Praktikanten Einblicke in die Praxis geben, Fotobücher im Wartezimmer „Ein Tag mit ... (Name der einzelnen Mitarbeiter der Praxis mit einem Blick in den Alltag der jeweiligen Mitarbeiter und 0-Tönen zur eigenen Arbeit)" und natürlich auf die eigene Wortwahl achten und statt »Helferin" von „Mitarbeiterin" sprechen.

These 2: Manche Chefs vergraulen das Personal

Leider gibt es sie immer noch: Die wenigen Chefs, die

·         nach Gutsherrenart führen und ihre Mitarbeiter durch cholerische Anfälle drangsalieren,

·         ihre Angestellten so schlecht bezahlen, dass diese damit nicht in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt zu sichern,

·         zwar den Anforderungen des Mindestlohngesetzes dem Buchstaben nach entsprechen, faktisch aber zum Beispiel unbezahlte Überstunden einfordern,

·         nicht bereit sind, Spezialwissen oder Erfahrung entsprechend zu honorieren,

·         älteren Mitarbeitern aus Kostengründen kündigen,

und so dazu beitragen, dass Mitarbeiter dem Beruf der ZFA für immer den Rücken kehren.

Wie kann gegengesteuert werden? Reden, reden, reden. Ändern kann sich der betreffende Kollege nur selbst. Alternativ kann jeder Praxisinhaber es selbst besser machen und darauf vertrauen, dass sich das herumspricht. Denn Praxismitarbeiterinnen sind untereinander gut vernetzt. Sie wissen genau, welche Praxisinhaber als „Traumarbeitgeber" gelten. Im Kern geht es übrigens immer um Wertschätzung. Dort, wo Praxisinhaber den Mitarbeitern glaubhaft zu verstehen geben, dass sie ihre Arbeit, ihre Ideen und Impulse schätzen, dass sie ohne sie nur halb so erfolgreich sein würden, haben sie gewonnen.

These 3: Befristete Jobs will niemand

Viele Praxen bieten Mitarbeitern zunächst eine befristete Stelle an, um zum Beispiel Mutterschutz- und Elternzeiten zu überbrücken. Doch kaum jemand tauscht eine sichere Stelle gegen das Risiko, den Job nach Ende der Befristung zu verlieren.

Wie kann gegengesteuert werden? Selbst wenn vorübergehend ein Personalüberhang besteht, lohnt sich die Festanstellung. Die nächste Schwangerschaft oder der nächste Wegzug einer Mitarbeiterin kommt bestimmt. Dann trägt Vorsorge sichere Früchte: Es muss niemand neu gesucht werden, niemand eingearbeitet werden, niemand sich neu ins Team integrieren. Das spart Zeit, Geld und vor allem Nerven.

These 4: Familie und Beruf sind nur schwer vereinbar

Die Arbeitszeiten in der Praxis lassen ein Nebeneinander von Familie und Beruf nur schwer zu, denn gerade die stark frequentierten Praxis-Nachmittagszeiten möchten die meisten Mütter doch gerne ihren Kindern widmen. Wer nur Vollzeitkräfte einstellen möchte, gibt diesen Frauen nicht die Chance, in ihrem erlernten Beruf weiter zu arbeiten.

Wie kann gegengesteuert werden? Kreative Lösungen sind gefragt: alternative Arbeitszeitmodelle, Job-Sharing oder Möglichkeiten der gemeinsamen Kinderbetreuung.

These 5: Personalsuchkultur von vorgestern

Noch immer suchen Praxisinhaber ihr Personal meistens über herkömmliche Instrumente, wie zum Beispiel Zeitungsanzeigen, obwohl dadurch nur noch ein gutes Drittel der Arbeitsverträge zustande kommt.

Wie kann gegengesteuert werden? Insbesondere jüngere Mitarbeiter sind zu einem hohen Prozentsatz in den sozialen Netzwerken aktiv. Die eigenen Mitarbeiter können dort am wirkungsvollsten nach Kollegen suchen. Sie wissen genau, was neue Kollegen in der Praxis erwartet, was sie selbst an der Zusammenarbeit mit dem Praxisinhaber und dem Team schätzen, was die Praxis von anderen Praxen abhebt und können daher mit den richtigen Worten akquirieren.

These 6: Alles ist relativ

Viele ZFA beklagen in den einschlägigen Foren, die schrecklichen Arbeitszeiten und die geringe Bezahlung. Sie suchen nach alternativen Betätigungsfeldern, in denen sie bessere Bedingungen vorfinden.

Wie kann gegengesteuert werden? Es gibt reichlich ungenutztes Potenzial auf dem Arbeitsmarkt: Menschen ohne Schulabschluss sowie Ältere. Diese setzen oft ungeahnte Kräfte frei, wenn ihnen eine Chance gegeben wird. Aus dieser Gruppe generieren sich häufig ganz besonders loyale und engagierte Mitarbeiter. Auch Arbeitssuchende aus anderen Branchen mit einer Affinität zum Gesundheitswesen oder zu serviceorientiertem Verhalten sind eine Option. Zu denken ist insbesondere an Alten- und Krankenpfleger oder Hotelfachangestellte. Das Berufsbild der ZFA stellt für sie eine im Vergleich deutlich attraktivere Alternative zu ihrem alten Beruf dar: bessere Arbeitszeiten, bessere Arbeitsbedingungen, geringere gesundheitliche Belastungen, keine Nachtschichten und oft sogar eine bessere Bezahlung. Die Investition in die Ausbildung oder Umschulung dieser Mitarbeiter kann sich auszahlen, auch wenn damit zugegebenermaßen einige Mühen verbunden sind, um die erforderliche fachliche Basis zu schaffen.

These 7: Durch Ausbildung vorsorgen

Wer heute nicht aus- und weiterbildet, muss sich nicht wundern, wenn morgen keine Fachkräfte zur Verfügung stehen. Natürlich ist es nicht einfach auszubilden, weil die Ausbildung aufgrund von systembedingten Schwächen heute noch viel mehr Kraft als früher erfordert, denn es müssen teilweise grundlegende Dinge wie der höfliche und respektvolle Umgang miteinander oder Sprachkompetenz vermittelt werden.

Wie kann gegengesteuert werden? Es lohnt sich auch heute noch, junge Menschen für die eigene Praxis auszubilden. Sie sind noch formbar und können zum Gewinn für die Praxis werden, weil sie auf die individuellen Bedürfnisse der Praxis hin ausgebildet werden. Um für zukünftige Schwangerschaften oder Wegzüge gerüstet zu sein, empfiehlt sich sogar eine Ausbildung über Bedarf. Selbst wenn der selbstausgebildete Nachwuchs nicht in der eigenen Praxis weiterbeschäftigt wird, hat jeder ausbildende Praxisinhaber gesamtwirtschaftliche Verantwortung übernommen. Denn er hat seinen Teil dazu beigetragen, dass der Fachkräftemangel von morgen ausbleiben wird.

 

Dr. Susanne Woitzik, ZA eG

 

Veröffentlicht in der DZW - Ausgabe 11/2016