1. TMC-Kongress EXTRUSION - REPLANTATION - INTERAKTION

Am 21./22.09.2018 fand in Düsseldorf der weltweit erste TMC-Kongress unter dem Motto: "Extrusion - Replantation - Interaktion" statt.

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TMC steht für "Tissue-Management-Concept" und beschreibt eine Therapiemethodik nach Dr. Stefan Neumeyer - mit dem Augenmerk auf Gewebeerhaltung und -gewinnung parodontaler Strukturen ohne Verwendung von Fremdmaterialien. Dr. Gernot Mörig und Robert Svoboda aus der Praxis Zahngesundheit Oberkassel aus Düsseldorf als Veranstalter hatten ein interessantes, umfangreiches und interdisziplinäres Programm zusammengestellt.

Den Anfang machte nach der Eröffnung durch Dr. Gernot Mörig Dr. Sabine Hopman (Lemförde), die aus ihrer Praxis zahlreiche Fälle präsentierte und die Kongressteilnehmer gleich in medias res führte. So zeigte sie als eine der erfahrensten TMC-Therapeuten anhand von Behandlungsfällen und Systematiken die Vorgehensweise Schritt für Schritt bei der "Gewinnung", Bearbeitung und Replantation von Wurzelscheiben in die Extraktionsalveolen und beeindruckte das Auditorium durch weitgehenden Gewebeerhalt des vestibulären Bündelknochens.

ZA Robert Svoboda (Düsseldorf) schloss thematisch direkt an und hielt ein Grundlagenreferat über die biologischen Vorgänge rund um die forcierte Extrusion und die Teilreplantation (einer Zahnwurzelscheibe). So stieß er auch die mehrfach aufgegriffene Diskussion an, wie nach Extraktion (und ggf. vor Replantation einer Wurzelscheibe) mit dem periradikulären Entzündungsgewebe umzugehen sei und warnte eindringlich vor der scharfen Kürettage intakter Alveolarknochenanteile.

Prof. Dr. Benedict Wilmes (Düsseldorf) stellte dar, dass auch Kieferorthopäden durch Zahnbewegungen einen Beitrag zur Knochengewinnung leisten können. Dabei favorisiert er die Verankerung über KFO-Miniimplantate, um die Parodontien der Nachbarzähne zu schonen. Es wurde deutlich, dass zwischen kieferorthopädischer Zahnbewegung und der forcierten Extrusion in TMC-Sinne deutliche Unterschiede bestehen.

Von der Uni Düsseldorf berichtete aus der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Frank Schwarz Dr. Vladimir Golubovic von Studien zur Augmentation mit ganzen Wurzelanteilen (sic!), die vorher von parodontalen Anteilen befreit wurden. Dabei kommt es nicht nur zur ankylotischen Einheilung des Wurzelrestes, sondern auch anschließend zu einem Umbau der Wurzel zu Knochen. Die präsentierten Ergebnisse beeindruckten die Kongressteilnehmer nachhaltig.

Aus München zeigte Dr. Daniel Bäumer Bilder von der socket-shield-Technik, die in der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Hürzeler und Dr. Zuhr entwickelt wurde. Durch ein vestibulär verbleibendes Wurzelfragment kann ebenfalls der vestibuläre Bündelknochen mit dem aufgelagerten Weichegewebe weitgehend erhalten werden.

Am Ende des ersten Kongresstages wurden die Teilnehmer in einem Exkurs auf die Nachteile des Verzichts auf Bargeld aufmerksam gemacht. Der renommierte Finanzexperte und Fondmanager Prof. Max Otte, bekannt durch mehrere Bücher und aus zahlreichen Talkshows, warnte vor der globalen Tendenz, zukünftig mehr und mehr auf Bargeld zu verzichten.

Auch der zweite Kongresstag begann fulminant mit einem Vortrag des Baseler Traumatologen Prof. Dr. Andreas Filippi. Mit 250 Folien in weniger als einer Stunde konnte er Möglichkeiten und Grenzen von Zahntransplantationen anhand von zahlreichen Fällen demonstrieren. Durch interdisziplinäre Zusammenarbeit von Chirurgen, Kieferorthopäden und konservierend tätigen KollegInnen ist bei Nichtanlagen und Traumata die Verpflanzung von Zähnen mit nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum möglich und bietet teilweise ungeahnte Lösungsmöglichkeiten in kompromittierten Situationen. Auch hier sei die Vorausetzung für den Behandlungserfolg: "Ohne vitale Zellen auf der Wurzeloberfläche keine parodontale Heilung", eine Zwischenlagerung in einer Zahnrettungsbox oder einem entsprechendem Medium ist dabei unverzichtbar.

Prof. Dr. Dr. Jörg Handschel (Düsseldorf) spannte in seinem Vortrag zur Knochengewinnung durch mechanische Stimulation den Bogen von der zellulären Ebene der knochenbildenden Zellen bei mechanischer Belastung über die Anfänge der Distraktionsosteogenese aus der allgemeinem orthopädischen Chirurgie bis zur Übertragung der Vorgänge auf den Kieferknochen bei bestehenden knöchernen Defiziten. Anders als bei der klassischen Le-Fort-Osteotomie geht es um die langsame schrittweise schraubeninduzierte Dehnung von Knochensegmenten zur Hart- und Weichgewebsgewinnung.

Eine überraschende Verwendung von Zahnwurzelfragmenten stellte Dr. Dr. Kristina Spaniol aus der Augenheilkunde vor: so werden dünne Wurzelanteile als Trägermaterial für eingeklebte Kunststoffoptiken verwendet. Dieses Verfahren (Osteo-Odonto-Keratoprothese) kann in seltenen Fällen von Augenerkrankungen zur Wiedergewinnung von Sehfähigkeit zum Einsatz kommen.

Ein zentraler Vortrag des Kongresses wurde selbstredend durch den Begründer des Tissue-Master-Conceptes, Dr. Stefan Neumeyer (Eschlkam) gehalten. In beeindruckender Weise resümierte er die Entwicklung der Techniken von den Anfängen bis heute. So werden bei ihm auch nach Anwendung der Scheibentechnik und anschließender Implantation die Scheiben zur Abdeckung der Implantate und zum Erhalt des parodontalen und später periimplantären Gewebes erneut replantiert. Elegant nutzt er dabei das Emergenzprofil des früheren Zahnes aus und sorgt so für einen optimalen Erhalt aller beteiligter Strukturen. Dr. Neumeyer gab auch zahlreiche Hinweise aus der Praxis für die Praxis, zum Beispiel wie eine eingelegte Wurzelscheibe vor der Zunge zu schützen sei (Tiefziehschiene, Provisorium).

Nicht die praktische Vorgehensweise, sondern auch die Abrechnung von Extrusionen, Replantationen und allen damit in Zusammenhang stehenden zahnärztlichen Leistungen stand im Fokus des Referates von Dr. Peter Esser, der dabei von Dr. Neumeyer und Marion Lau (Zahngesundheit Oberkassel) unterstützt wurde. Da auch Vertreter von privaten Krankenversicherungen im Auditorium waren, ergab sich eine lebhafte Diskussion über Abrechnungsmodalitäten und das (Un-)Verständnis im Umgang mit neuen Behandlungsmethoden.

Prof. Dr. Thomas Beikler aus Hamburg konnte im Rahmen seines Vortrages "Einfluss inflammatorischer und mechanischer Faktoren auf parodontale Strukturen" das aktuelle Modell des Mikrobioms auf interzellulärer Ebene gut verständlich darstellen. Festzuhalten ist, dass die Zusammenhänge bei Entzündungsprozessen auf Grenzflächen wie dem Parodont noch nicht abschließend geklärt sind.

Der bekannte Endodontologe und frisch zum Professor ernannte Dr. David Sonntag (Düsseldorf) stellte unter Beweis, dass auch mit konsequenter aseptischer Endodontie Knochengewinn in vielen Fällen möglich ist. Dabei ist auch in der Endodontie das Verständnis der Infektionsbeherrschung der Schlüssel zum Erfolg, der Einsatz von Ultraschall-unterstützter desinfizierender Spülung ist unverzichtbar.

In dem Abschlussvortrag des Kongresses zeigte Dr. Gernot Mörig die ganze Bandbreite des TMC-Konzeptes auf und konnte mit zahlreichen und gut dokumentierten Behandlungsfällen die in der Düsseldorfer Praxis konsequent und erfolgreich umgesetzte Vorgehensweise vorführen. Er wies darauf hin, dass zahlreiche Parameter eine Therapieentscheidung beeinflussen können und jeder Fall für sich zu beurteilen sei, manchmal müsse der TMC-Anwender auch kreativ sein, um einen angestrebten Gewebeerhalt zu ermöglichen. Die Extrusion gehe bei ihm jeder Extraktion voraus, manchmal sei damit auch ein nicht erwarteter Zahnerhalt möglich, der Gewinn bzw. Erhalt von Strukturen sei in vielen Fällen der Augmentation mit Ersatzmaterialien weit überlegen und dazu noch kostengünstiger...

Es ist den Organisatoren um Dr. Gernot Mörig und Robert Svoboda ausdrücklich zu danken, dass sie dieses neue zahnmedizinische Feld seit Jahren mit Fortbildungsseminaren unterstützen und nun erstmals zu einem Kongressthema gemacht haben, um die Aufmerksamkeit auf diese noch junge Therapieform zu lenken und das Wissen darum zu vertiefen. Dieser einsetzende Paradigmenwechsel in der Zahnmedizin beginnt nun auch in die universitäre Ausbildung einzuziehen. An die 100 Teilnehmer des Kongresses waren Zeugen dieses spannenden Events und hatten auch in Pausengesprächen immer genügend Diskussionsstoff. Die Zahnmedizin wird in den nächsten Jahren sicher mehr davon zu hören kriegen! Eine Neuauflage des Kongresses in ein oder zwei Jahren in Süddeutschland ist bereits angedacht, wie Dr. Neumeyer zur Freude aller zum Abschluss euphorisiert verkündete.

 

 

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